Methoden zu Vorurteilen
Vorurteilswettbewerb
Dieser Wettbewerb wird wie eine Fernsehspieleshow oder ein Fußballspiel mit „zwei Halbzeiten" angeleitet. Es werden zwei Gruppen gebildet. Jede Gruppe erhält ein Blatt, einen Stift und maximal ca. 5 min. Zeit, um möglichst viele Sachen, Eigenschaften, Fähigkeiten aufzuschreiben, was Jungen bzw. Mädchen angeblich (nicht) können oder machen:

         Jungen können                  Mädchen können                  
      gut                     nicht          gut                      nicht


Erfahrungsgemäß beginnen viele Jungen schon hier darüber zu diskutieren, dass dies und jenes ja gar nicht stimmt. Daher sollten die Jungen dazu ermuntert werden, möglichst viele Stichpunkte aufzuschreiben. Der Gewinner der ersten Runde ist die Gruppe mit den meisten Punkten.
Doch nun kommt die zweite Runde. Abwechselnd darf jede Gruppe bei der anderen einen Stichpunkt streichen, wenn sie anhand eines konkreten Beispiels eine Begründung dafür geben kann (z.B. „Mädchen können auch im Stehen pissen!") oder ein Mädchen, bzw. einen Jungen kennt, die/der das doch kann. (Es zählen auch Eltern oder Personen aus Funk und Fernsehen). Danach sieht die Liste z.B. so aus:

Jungen können nicht / machen nicht:
können nicht nähen, sind häßlich, können nicht singen, haben kein Gefühl, sind keine Hausfrau, können nicht andere "anmachen", haben keinen Busen, sind nicht lesbisch, nicht fair, haben keine Scheide, keine langen Haare, haben nicht soviel Liebe, werden kein Stewart, nehmen keine, keine Eizellen, Kosmetik, sind nicht sauber, können keine Kinder bekommen, können nicht so sauber schreiben, haben keine schönen Lippen

Mädchen können nicht / machen nicht
können nicht so gut Sport, fahren kein Formel 1, können nicht boxen, sind keine Bauarbeiter, gehen nicht in den Sexshop, sind nicht schwul, sind nicht hart, sind nicht häßlich, haben keinen Pimmel, sind nicht cool, haben keinen Samen, werden kein Pilot, sind nicht anstrengend, sind nicht mißtrauisch, können kein Fußballspielen, haben keinen Mut, geben kein Geld aus, schlagen nicht, sind nicht so schnell

Kritik unter dem Aspekt der Diskussion um Zwangs-Heterosexualität:
Bis hierher eignet sich die Methode sehr gut, um klassische Vorurteile gegenüber der „anderen" Gruppe in Verblüffung über deren Fähigkeiten münden zu lassen. Wir haben jedoch lange überlegt, die Methode zu erweitern, da sie in dieser Form gerade durch das Übriglassen der „biologisch/körperlichen" „Unterschiede" diesen vielleicht sogar noch besonderes Gewicht verleiht und sich damit an der Unterteilung der Welt in ein System der Zweigeschlechterwelt beteiligt.
Deshalb führen wir diese Methode nur noch in folgenden Varianten durch:
Entweder es wird parallel zur Frage nach „Jungen/Mädchen" mit der gleichen Methode nach „Kinder / Erwachsene oder „deutsche / Ausländer" o.ä. gefragt. In der Schlussauswertung kann dann darüber geredet werden, welche (unnötige) Bedeutung den verschiedentlich übrigbleibenden „Unterschiede" bleibt. Wir versprechen uns eine „Dekonstruktion" der Zweigeschlechterwahrnehmung durch einen Bedeutungsverlust der klassischen Symbole heterosexueller Ordnungen ("Penis", "Scheide" etc).
Die zweite Variante wurde so erst in 5.Klassen ausprobiert: Nach der „zweiten Halbzeit" wird als „Elfmeterschießen"-ähnliche Schlußaufgabe die Frage gestellt, wie oft die beiden Mannschaften den Kursleiter auf im folgenden gezeigten Fotos wieder erkennen. Dazu hat der Kursleiter ein Original und drei z.B. per Computerprogrammen einfach verfremdeten Bildern von sich mitgebracht (mit andere Haarfarbe, geschminkt mit oder ohne Bart, Piercings o.ä.) Die Kinder fragen schnell: „Bist du das auch?" oder „Bist du ne Tunte?". Es ergibt sich eine hohe Aufmerksamkeit, weil nicht irgendwer, sondern der bekannte Kursleiter plötzlich als jemand möglicherweise ganz anderes erscheint. Es ermöglicht sich ein Gespräch über „anders sein", anders werden, sich „anders" anderen zeigen usw. Die Zweigeschlechterwahrnehmung läßt sich so altersentsprechend verunsichern, weil dem Kursleiter in ein und derselben Person zugetraut wird, dass er seine Position darin „tut" und nicht unveränderbar „hat"